Konzertkritik-7

Boldoczkis himmlische Trompete

Veröffentlicht im Kulturteil der Rheinischen Post vom  13. Dezember 2010 und auf RP-Online.

Alle Welt bemüht sich derzeit, uns auf Weihnachten einzustimmen. Oft gelingt das nur vordergründig, meist gar nicht. Anscheinend unumgängliche, von manchen auch verteufelte Rituale, welche die Jahreszeit mit sich bringt, sind nur schwer abzulegen. Jede Stunde warten wir auf den Moment, indem eine himmlische Fanfare uns den tatsächlichen Beginn der Weihnachtszeit verkündet.

Offenbar tauschte der Himmel in diesem Jahr die Fanfare gegen eine Trompete aus. Dem ungarischen Ausnahmetrompeter Gábor Boldoczki gelang dieses ersehnte Einstimmen auf das Fest mit Bravour, als er nun in der Tonhalle mit dem Franz-Liszt-Kammerorchester auftrat. Für 90 Minuten führten sie das Publikum durch ein heimelig-entschleunigtes Nebenuniversum – ein Universum von gediegenen Barock-Klängen und galanter Wiener Klassik und einem Divertimento von Béla Bartók.

Zunächst war das ungarische Kammerorchester mit einem Brandenburgischen Konzert von Bach allein zu hören, ein ungemein warmer und ausgewogener Klang freute den Hörer. Dann betrat der Meister der Trompete die Bühne. Mit guter Laune, die seinem Gesicht den ganzen Abend über zu entnehmen war, bewegte er sich geradezu tänzerisch im Takt des Orchestervorspiels, bevor er in das Konzert in A-Dur von Bach einstimmte: es präsentierte sich ein feiner, präziser und auf den Punkt gebrachter Klang, der im Kammerorchester eine harmonische Basis fand.

Weiter überzeugten besonders das Konzert für Trompete und Streicher von Torelli. Hier lebte Boldoczki seine Virtuosität mit Freude voll aus und zeigte in allen Sätzen, was er kann. So konnte man sich über einen großartigen Abend freuen, der mit einem Donizetti-Konzert ausklang. Nein, tat der Abend leider doch nicht: Als zweite Zugabe musste nach Telemann noch ein arrangiertes "Ave Maria" herhalten. Solchen Nippes hat der große Gábor Boldoczki doch gar nicht mehr nötig.