Konzertkritik-8

Großartig: Geigerin Carolin Widmann in Düsseldorf

Veröffentlicht in der Rheinischen Post vom 1. Juni 2012 und auf RP-Online.

Die Ausnahmegeigerin Carolin Widmann präsentiert das Vertraute in neuem Licht und macht neugierig auf Unerforschtes, jene neuen Stücke, die nicht oft in Konzertprogrammen auftauchen. Auf ihrem 2006 veröffentlichten Debütalbum waren es die "Capricci" des 1947 geborenen Komponisten Salvatore Sciarrino, mit denen sie beeindruckte – einer Musik, von der ein Großteil des Publikums gewöhnlich rasch genug bekommt.

Im Kinderzimmer begann das künstlerische Schaffen von Carolin Widmann, zusammen mit ihrem Bruder Jörg. Mit ihm musizierte sie, spielte und sang das, was er ihr komponierte, und gemeinsam erschlossen sie sich früh einen großen Teil des Abenteuers Musik. Später gewannen beide auf ihren Gebieten Wettbewerbe, wurden zu Festivals eingeladen. Heute ist Jörg Widmann ein gefeierter Komponist und meisterhafter Klarinettist, Carolin Widmann eine der großartigsten Geigerinnen der Gegenwart.

Zeitgenössische Musik liegt den Geschwistern am Herzen. Im gemeinsamen Konzert im Düsseldorfer Schumann-Saal lockten sie mit Bekanntem und begeisterten mit Neuem. Bei Strawinskys "Geschichte vom Soldaten" merkte man, wie vertraut sie zusammen musizieren und wie wenig müde sie des Spiels mit- und gegeneinander sind. Pointiert bieten sie einander Paroli, verschmelzen zu einer Einheit und lösen sich Sekunden später wieder voneinander. Das ist berührend und offensiv.

Sie traten zusammen mit dem Pianisten Dénes Várjon auf, mit dem Carolin Widmann auch ihre erste Schumann-CD aufgenommen hatte. Várjon versteht es, einen balancierten Hintergrund zu schaffen, aber auch die Musik zu dominieren und sich dann wieder in ein feines Musikgeflecht zu begeben.

Auch solo brillierten die Geschwister: Jörg mit Schumanns "Fantasiestücken für Klarinette und Klavier" (die Klarinette weich singend, nie überzuckert), Carolin mit vermeintlich schwerer Kunstmusik, zwei Solo-Etüden ihres Bruders. Tatsächlich saß man elektrisiert vor einer Künstlerin, die es auf der Geige krachen, knirschen und schnurren ließ. Zeitweise ihrem Instrument einen dritten Ton schenkend, sang Carolin Widmann der Geige zu. Wie in einem Rausch fanden die Töne zusammen.

Schon der erste Applaus fiel aus wie eine Schlussovation, die nach einer Zugabe fleht. Und am Ende darf man fragen, warum nicht häufiger so virtuos rauschende und erzählende Geigen im Konzert zu hören sind.