Konzertkritik-6

Romantik nach baltischer Art

Veröffentlicht in der Rheinischen Post vom 30. Mai 2012 und auf RP-Online.

Wie auf einem romantischen Bild von Caspar David Friedrich nahm sich der Abend dieses Pfingstmontags aus – wie Schneeflocken flogen Pollen vor der tiefstehenden Sonne über den Rhein, erfüllten die Luft und ließen den nicht allergischen Betrachter bitten, die Zeit anzuhalten. "Romantisiere dich!" lautet das Motto des Schumannfestes. Und sowohl dieser Anblick als auch das Konzert, das die Baltic Youth Philharmonic (BYP) nun unter der Leitung von Kristjan Järvi in der Tonhalle präsentierte, tat genau das. Es romantisierte, es verzauberte, es hielt die Zeit an und berührte das Publikum zusammen mit dem virtuosen Geiger Vadim Gluzman.

Die Ouvertüre der Schumann-Oper "Genoveva" ist ein Stück Musik, das sich weder bei den Zeitgenossen des Komponisten euphorischer Beliebtheit erfreute noch in der heutigen Opernlandschaft einen leichten Stand hat. Darüber kann man sich nur wundern, zumindest wenn man es so entfesselt und frei hört, wie die BYP es spielt: sportlich, gewandt, jung und, ja, romantisch visionär.

Visionär wirkte auch das Konzert für Violine und Orchester des Soundtrack-Komponisten Erich Wolfgang Korngold. Wie das Hausorchester eines Hollywoodfilmstudios gab sich das Ensemble und bot dem sehr vibratostarken Sologeiger Gluzman eine feine Grundlage für furiose, ausladende Soli.

Gleichermaßen beeindruckend geriet auch das Klavierquartett Nr. 1 von Brahms in der Orchesterfassung von Schönberg. In einem Brief schrieb dieser einmal, dass er dieses Stück so sehr liebe. Und das tut auch das Baltic Youth – ganz sicher. Nichts wirkte an diesem Abend angestaubt, jedem Stück wurde die Last von Tradition und bereits Gehörtem genommen, alles klang jugendlich und lebendig. Nicht einmal das im Rhythmus der Zugabe klatschende Publikum (zu zwei unerlaubt frechen Ungarischen Tänzen von Brahms und einem schwedisches Volkslied) fühlte sich hier nach röhrendem Hirsch vor Alpenpanorama oder Kaffeefahrt an.

Minutenlanger Applaus eines unverdient kleinem Publikums.